Eine neue Geschichte …
Manchmal berühren Menschen unser Leben, die viele andere nur vom Wegsehen kennen: Schnorrer oder Punks. Unter ihnen könnte eines Tages auch T. gewesen sein, ein Schmuddelpunk und hoch intelligent. Ein wildes Kind, inmitten einer Großstadt, das in einem Abrisshaus lebte, fünfzehn Bier am Tag soff und wohl alles nahm, was man für ein vermeintlich glückliches Leben brauchen würde. Ein Kerl, der - als ich ihn kennenlernte - das Reden verlernt hatte. Dem man sekundenlang gegenübersitzen und sehen konnte, wie seine Lippen versuchten, Worte zu finden, bevor er mit einer Handbewegung den Tisch vor sich leer fegte, um mit der Stirn auf die Holzplatte zu schlagen. Weil er, was er sagen wollte, nicht mehr anders aus seinem Kopf herausbekam.
Ein Typ, der - weil beide naiv und nie Folgen bedenkend lebten - mit seiner Freundin, 19 - auch Punk und schon mit 13 Jahren auf Berliner Bahnhöfen unterwegs - ein Kind bekam, das Abrisshaus verließ und zusammen in die neue Sozialwohnung zog. Wo sie, mit Schrankwänden und Stehlampen vom Sozialamt ausgestattet, sich ein Heim einrichteten, wie sie es nicht anders kannten: spießig, bieder, billig. Und wo der Widerspruch zwischen dem jahrelangen Leben im Dreck und dem braven Dasein in einer Jungfamilie nicht offensichtlicher werden konnte.
Dort, wie nicht anders zu erwarten, beginnt das monatelange, unglückliche Spiel: die Frau, immer noch Punk, aber weg von der Straße, sitzt allein mit dem Kind zu Hause, wenn der Typ seine Saufphasen hat und zu seinen Kumpels vorm Supermarkt zurückkehrt. Dann holt sie ihn dort ab und wirft ihn ihn anschließend aus der Wohung, bis er selbst wieder zurückkehrt oder ihre Saufkumpanen der Reihe nach vor ihrer Tür stehen, um das Glück dieses Traumpaares der Straße zu kitten. Klischee. Aber das Leben ist klischeehafter, als wir es uns - cool sein wollend - eingestehen …
Beide scheitern letztendlich, geben sich Zwängen hin oder ganz auf. Der Typ muss begreifen, dass er sein neugeborenes Kind nicht einfach auf einen Packen Zeitungspapier legen und schreien lassen kann, sondern dass er verzichten muss auf die eigene Art zu leben, wenn er nicht genauso sein will, wie die eigenene Eltern, die ihn in jungen Jahren mit Brot und Wasser bestraft haben, wollte er nicht sein, wie sie es wollten. Der fünf Jahre lang ein wildes, grenzenloses, extremes Leben führte und am Ende ahnt, dass er diese Zeit nie wieder aufholen wird. Der danach in wenigen Monaten einen Wandel vollzieht, der nichts mehr übrig lässt vom einst wilden Kind. Es geht also um die alten Fragen: Was wird aus einem extremen Leben, wenn die Zwänge beginnen? Wie ausdauernd ist in unserem Leben rebellischer Geist? Wie sehr sind wir wirklich davon ausgefüllt - wie sehr täuschen wir uns selbst, alles anders machen zu wollen oder gar zu können? Wie sehr ist der Sinn des eigenen Lebens an Harmonie dieses eigenen Lebens gebunden? Abriss Leben ist eine wilde, extreme Geschichte - sehr real, sehr dreckig, sehr beängstigend. Über eine Beziehung, deren Gefühle zerstört sind, weil sie über Jahre als uncool verdrängt wurden. Wie weit geht Freiheit, sich keinen Grenzen - moralischen, ethischen, emotionalen - unterzuordnen? Wie weit muss jemand, der sich auf dieses Spiel einlässt (seine Freundin, manchmal nur Geliebte, immer aber Mutter seiner Tochter), sich diesem ausliefern? Wie weit stellt uns die alte Lust, alles ganz anders machen zu wollen, außerhalb dessen, was wir eigentlich brauchen, um am Leben noch teilhaben zu können? Und wielange kann ein Umfeld das tolerieren, mitspielen oder zu Verbündeten werden? Wie sehr kann Grenzenlosigkeit Leben, also auch Miteinander, zerstören.
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