(…) Es war, als hätten wir uns gesucht. Später wird er sagen, es war die Hoffnung, so etwas wie einen Strohhalm zu finden. Jemanden, der einen rausziehen würde aus dem ewig gleichen Kreislauf, Abrisshaus, Bahnhofsvorplatz, Abrisshaus. Ich kam aus einer anderen Welt. Punkrock war ein fremdes Wort. Noch Jahre später hätte ich nie geglaubt, regungslos mit ansehen zu können, wie jemand eine tote Ratte mit ein paar gezielten Hammerschlägen an eine Haustür nageln konnte. Zur Abschreckung.
Was tatsächlich funktionierte, wie ich feststellen musste, als damals im selben Moment Meier vorbeikam. Dieser Meier war dreißig, mit leicht gebeugtem Rücken und ergrauten Haaren, von was auch immer, jung, wie er war. Meier war vom Ordnungsamt. Als er die an der Haustür baumelnde Ratte sah, blieb er abrupt stehen, drehte sich um und begann zu kotzen. Die Leute um ihn herum, bunt und dreckig, kreischten auf. Es war nichts Ungewöhnliches an diesem Ort, aber von Meier, hatte man es so öffentlich bisher nicht gekannt. Und Hemmungslosigkeit zählte hier mehr als alles andere. So sammelte Meier vom Ordnungsamt Punkte.
Aber das war alles sehr viel später. An jenem Nachmittag, als ich ihn kennenlernte, blieb mir zunächst nichts anderes übrig, als wahrscheinlich stundenlang darauf zu warten, dass der Schneesturm vorübergehen würde. Das erste einladende Nicken des bunten Kerls hinter dem Kneipenfenster ignorierte ich noch. Nach einer halben Stunde tauchte sein Gesicht wieder auf, er grinste, weil er sah, wie ich mir frierend die Hände rieb und von einem Fuß auf den anderen hüpfte. Wieder lud er mich mit einer fast nicht zu merkenden Kopfbewegung nach drinnen ein. Nichts sollte verbindlich wirken. Und so zog ich nur die Augenbrauen hoch, machte ein bemüht fragendes Gesicht und deutete in den Kneipenraum. Dort soll ich hinein? Ich doch nicht.
Minuten später stand ich doch im Warmen. Am Tresen, denn weiter traute ich mich nicht in diesen verqualmten lärmenden Kneipenraum hinein, in dessen dunkelster Ecke eine kleine Horde bunter Punks, unter ihnen der freche Kerl vom Fenster, feierte. Ich kam mir hilflos vor, verunsichert suchte ich nach der lässigsten Position, lehnte mich an den Tresen, steckte die Hände in die Taschen, nahm sie raus, stellte mal das linke, mal das rechte Bein demonstrativ aus. Immer wieder bemühte ich mich, den Eindruck zu vermitteln, den Kneipenraum nicht weiter betreten zu können, weil ich nur von hier vorne aus, vom Tresen aus, meine Crossmaschine draußen unter dem Vordach im Blick behalten könnte.
Der Punkerkerl grinste in Abständen zu mir herüber, er schien mich zu beobachten und vor allem schien ich ihn in meiner Hilflosigkeit zu belustigen, während ich mich wie auf einem Präsentierteller fühlte. Also drehte ich mich weg. Sekunden später erschrak ich. Aus dem Nichts tauchte eine Bierflasche auf und stieß mir fast mein Teeglas aus der Hand. Es klirrte.
Zoschen! Was immer das heißen mochte, der Punkerkerl sagte: Zoschen! und prostete mir grinsend mit seiner Bierflasche zu. Dann nahm er einen kräftigen Schluck, verstaute die Flasche in der ausgebeulten Seitentasche seiner BW-Hose und schlurfte in einem gemächlich wiegenden Gang, an dem ich ihn noch Jahre später aus mehreren Kilometern Entfernung erkennen würde, zum Klo.
Zoschen!? Zoschen?? Ich wollte nur noch weg. Ich kippte meinen Tee hinunter, zahlte und schlitterte Sekunden später auf meiner XT vom Bahnhofsvorplatz.
(…)
Plötzlich wurde mir klar, dass jeder Cent, den ich nun, da alle Schulden bezahlt waren, verdienen würde, mich dicker und reicher machen würde. Dem wollte ich entkommen. Es war eine merkwürdige Erkenntnis, inmitten all der zum Aufwärmen bereit gestellten Bouletten und Currywürste, meine Zukunft, im Idealfall mein Glück, auf Bouletten zu gründen. Ich musste grinsen. Ich sah mich – am Ende meines Lebens – in einem dicken Rolls Royce durch die Straßen schaukeln. Auf dem Kühler thronte statt der versilberten Galionsfigur eine goldene Currywurst. Und auf meinem marmornen Grabstein würde stehen: Er hat uns allen geschmeckt.
Zersplitterndes Glas schreckte mich auf. Vor meinen Füßen lag ein Stein, in dem bis zur Hälfte mit Gardinen zugezogenen Schaufenster klaffte ein Loch. Mit einem Satz war ich auf den Beinen, hetzte hinaus auf die Straße und blickte mich, den möglichen Täter suchend, nach allen Seiten um. Aber ich sah niemand, erst recht niemand, der wegrannte. Nicht einmal ein Handgemenge gab es an der Bordsteinkante, aus dem heraus der Stein geflogen sein könnte. Nur ein kleiner Junge mit zerzausten Haaren stand ein paar Meter weiter. Die Schultasche baumelte ihm lässig am Rest eines Lederriemens über der Schulter. Seine Haare klebten verschwitzt im Gesicht.
Der Bursche starrte mich mit provokantem Blick an. Höchstens acht oder neun Jahre war er alt und wischte sich langsam an seinen Hosen den Dreck von den Händen. War er es also gewesen – dieses Biest: keinen Blick ließ er von mir, lauernd fixierte er mich.
Für einen Moment glaubte ich, diesem Bengel meine Wut ins Gesicht brüllen zu müssen. Und er schien es zu ahnen, reagierte aber nur mit einem fast unmerklichen Anspannen seines Körpers. Nichts bei ihm deutete auf einen Fluchtgedanken, gar auf Angst. Dieser kleine Bengel widerstand einfach. Das war der Moment, in dem ich loslachen musste. Die Spannung wich. Ich lachte einfach und konnte nicht mehr aufhören. Kopfschüttelnd verschwand ich im Bistro. Von draußen rief der Junge mir etwas zu. Es klang wie eine Entschuldigung, bevor er sich eilig auf und davon machte. So hatte ich es durch mein kapitulierendes Lachen wohl doch noch geschafft, ihn zu verschrecken.
Einen Tag später stand dieser Bengel zur selben Zeit wieder vor meinem Bistro. Ich nahm ihn erst nach Minuten wahr und auch nur wegen der blendenden Glasscheibe, die er unterm Arm hielt. Viel zu klein, um das riesige Schaufenster zu reparieren, da konnte er mir noch so wortreich erklären, wie dieses kleine Stück Glas in die riesige Fensterscheibe zu verkleben wäre. Ich hatte längst beim Glaser, einige Straßenzüge weiter, die Reparatur in Auftrag gegeben. Auf halbe oder improvisierte Sachen hatte ich mich in meinem Leben schließlich nie eingelassen. Zu allem kam, dass ich jetzt – da der Bengel sich so sehr um Wiedergutmachung bemühte – begriff, auf den Kosten sitzen zu bleiben. In seinem jungen Alter tauschte man noch, man wog nicht mit Geld auf, wenn man etwas schuldig war. Glasscheibe gegen Bruch.
Ich zögerte, wollte etwas erwidern, grantig, barsch, unterließ es aber. Stattdessen lud ich den Bengel ein, einen Happen mit mir im Bistro zu essen. Hedda, meine Küchenhilfe, suchte ein besonders großes Stück Fleisch heraus, als hätte ich sie gebeten, mir – angesichts des Jungen, der übrigens Rico hieß – ihre mütterlichen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Die gute, alte Hedda …
Und als wäre jene Sache zwischen uns nicht schon seit Jahren geklärt, drehte sie plötzlich auf, herzte und umsorgte den Jungen, als wäre es mein eigenes Kind … Es lag etwas in der Luft, etwas Anheimelndes. Die Vertrautheit von Nähe, Bindung, Verpflichtung, Liebe, Zärtlichkeit, Fürsorge. Ein Hauch von Familie.
Plötzlich war es mir eng geworden. Ich wollte raus. Noch in der Nacht zog es mich zum Bahnhof, auf ein Bier mit diesem Punkerkerl hoffend.
(…)



